| Regionale Klimamodelle
bilden die Basis für neue Handlungsstrategien im Pflanzenbau.
Bereits heute stellen sich Wissenschaft und Praxis auf veränderte
Klimabedingungen ein, die sowohl Risiken als auch Chancen
bedeuten können.
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Das Problem Klimawandel betrifft
den landwirtschaftlichen Sektor so elementar, dass regionale
Klimamodelle immer stärker gefordert sind, um Handlungsstrategien
zu entwickeln. Dem trugen in den letzten Jahren zahlreiche
Projekte, Forschungsnetzwerke und Tagungen Rechnung, die Auswirkungen
des Klimawandels auf der regionalen Ebene untersuchten. Proplanta
sprach mit Dr. Holger Flaig vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum
Augustenberg (LTZ) anlässlich der Fachtagung "Herausforderung
Klimawandel" gestern in Karlsruhe.
Klimamodelle des Max-Planck-Instituts für Meteorologie
prognostizieren für Deutschland einen Anstieg der Jahresmitteltemperatur
bis zum Ende dieses Jahrhunderts um rund um 2,5 bis 3,5 °C.
Insgesamt muss man sich auf mildere und feuchtere Winter,
wärmere und trockenere Sommer und möglicherweise
mehr witterungsbedingte Extremereignisse einstellen, doch
nicht überall in gleichem Maße. |
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| Gerstenbestand (Foto: Proplanta) |
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"Die Regionalisierung von Klimaprojektionen ist kein
einfaches Unterfangen, da die Zuverlässigkeit der Modellaussagen
sinkt, je kleinräumiger die Skalierung wird." betont
Flaig. "Regionale Klimamodelle, wie im Projekt KLARA
für Baden-Württemberg gerechnet, sind daher noch
nicht detailscharf, zeigen aber Trends auf."
Modellrechnungen im Auftrag des Umweltbundesamtes ergaben
insbesondere für die Niederschlagsmengen große
regionale Unterschiede. In Nord- und Westdeutschland werden
die Jahresniederschläge insgesamt zunehmen, wobei jedoch
häufiger mit Frühjahrstrockenheit zu rechnen ist.
In Ostdeutschland wird die Gefahr von Dürren durch eine
Abnahme der Sommerniederschläge vor allem auf den sandigen
Böden des nordostdeutschen Tieflandes stark ansteigen.
Auch im Südwesten werden die Sommer deutlich trockener
und wärmer. Am wenigsten vom Klimawandel betroffen sind
der Südosten und die maritim geprägten Küstenregionen
im Nordwesten Deutschlands. Die Frage stellt sich, was dies
für den einzelnen Landwirt hier bei uns bedeutet.
Nicht alle Faktoren des Klimawandels werden sich prinzipiell
negativ auswirken. Einige Regionen wie die nördlichen
Küstenbereiche oder die Mittelgebirgslagen könnten
von der verlängerten Vegetationsperiode und den milderen
Temperaturen sogar profitieren. "Begünstigt werden
vermutlich wärmeliebende Kulturen wie Mais, der als C4-Pflanze
ein Temperatur-Optimum der Photosynthese bei 30 bis 35°C
besitzt." erläutert Flaig. "Auch Soja, Sonnenblumen,
Durumweizen oder Winterformen bisheriger Sommerungen wie Hafer,
Ackerbohne oder Erbse könnten an Konkurrenzkraft gewinnen.
Neue Chancen ergeben sich auch bei Sonderkulturen." Gemüsearten
wie Auberginen, Artischocken und Paprika, die man bisher eher
aus dem Mittelmeerraum kennt, könnten bei uns auch im
Freiland gedeihen. Beliebte, bisher importierte Obstsorten
wie der Braeburn-Apfel würden die notwendige Wärmesumme
zur Ausreife erreichen, ebenso Traubensorten wie Cabernet
Sauvignon. Erdbeeren, Spargel und Kartoffeln kämen früher
auf den Markt und könnten die Nachfrage gezielter decken.
Andererseits gibt Flaig zu bedenken: "Pflanzen, die mit
zunehmenden Temperaturen schlechter gedeihen, etwa weil sie
vorzeitig abreifen wie Getreide, an kühlere Klimate adaptiert
sind oder auf eine regelmäßige Wasserversorgung
angewiesen sind, werden vermutlich an Konkurrenzkraft verlieren."
Dies könne Getreide, Raps, Rüben und eventuell auch
Grünland betreffen.
In den Böden werden die Stickstoffverluste stark ansteigen.
Höhere Temperaturen bedingen eine verstärkte Aktivität
der Bodenlebewesen, so dass mehr Stickstoff mineralisiert
wird. Dieser kann jedoch vor allem bei leichten Böden
im Winter ausgewaschen werden. Bei schweren Böden ist
durch erhöhte Denitrifikationsraten auch vermehrt mit
gasförmigen Stickstoffausträgen zu rechen. Auf trockenheitsgefährdeten
Standorten wird zukünftig auch eine Beregnung in Betracht
zu ziehen sein. Jedoch kann auch durch Bodenmelioration und
angepasste Anbauverfahren eine Verbesserung der Wasserhaltekapazität
erzielt werden. Hierfür werden Bodenhilfsstoffe eingesetzt,
um die Biomasseproduktion auf Böden mit geringer Wasser-
und Nährstoffverfügbarkeit zu verbessern.
Anpassungen an die genannten Stressfaktoren können jedoch
nicht nur über Anbauverfahren, sondern auch durch pflanzenzüchterische
Maßnahmen erreicht werden. "Bessere Trockenheit-
und Hitzeresistenz, verstärkte Ausnutzung des hohen CO2-Gehalts
in der Atmosphäre, erhöhte Schädlings- und
Krankheitsresistenz, Abreifeverhalten, Winterhärte oder
Standfestigkeit" zählt Flaig als vordringliche Zuchtziele
auf. Bei dem Ziel frühere Blüte und Abreife bei
Getreide bei relativ hohem Ertrag seien bereits gute Erfolge
erzielt worden.
Die Strategien im Pflanzenschutz werden sich durch den Klimawandel
stark verändern, da sich das Artenspektrum der Schadorganismen
bereits heute verschiebt. Probleme durch Pilzerkrankungen
werden, mit einigen Ausnahmen wie etwa Getreideroste, insgesamt
eher abnehmen, die Bedeutung verschiedener Ungräser und
Unkräuter, tierischer Schädlinge und nichtparasitärer
Krankheiten jedoch eher zunehmen. "Denn nicht nur viele
Kulturpflanzen wachsen bei höheren Temperaturen schneller,
sondern auch Unkräuter. Schädlinge entwickeln sich
rascher, bilden mehr Generationen aus, überleben die
milden Winter besser. Neue Schädlinge und Krankheiten
können sich bei uns etablieren. Hier gilt es neue Prognosemodelle,
Monitoringkonzepte und Bekämpfungsstrategien zu entwickeln."
Für den Landwirt würde daher eine genaue Beobachtung
der eigenen Bestände immer wichtiger, da ein stadienorientierter
Einsatz von Pflanzenschutzmitteln dann nicht mehr ausreichend
sei.
Die Anbauentscheidungen werden jedoch auch in Zukunft nicht
nur durch den Faktor Klima bestimmt: "Die Anforderungen
der Agrarmärkte, die Entwicklungen auf dem Sektor der
nachwachsenden Rohstoffe und agrarpolitische Entwicklungen
werden weiterhin starken Einfluss besitzen."
Flaigs Empfehlungen für den Landwirt: "Wichtig ist,
das lokale Klima und den Boden aufmerksam zu beobachten und
die Entwicklung der Kulturen über mehrere Jahre zu verfolgen.
Darüber hinaus sollte man sich gut informieren - über
Beratungsdienste und im Erfahrungsaustausch mit den Kollegen.
Die Fruchtfolge sollte nicht zu eng gewählt werden, um
das Risiko eines witterungsbedingten Totalausfalls zu verringern.
Konservierende Bodenbearbeitung ist vorzuziehen, denn sie
mindert das Erosionsrisiko und hält die Bodenfeuchte
länger. Sorte, Aussaatmenge und -zeitpunkt sind dem Standort
entsprechend sorgfältig zu wählen. Die Düngung
ist den jeweils gültigen Empfehlungen anzupassen. Und
wenn noch Zeit- und Arbeitsreserven bleiben, sollte man nicht
versäumen, neue Dinge auszuprobieren!" |
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