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Gelungene Revitalisierung

19.03.2013

Rettung eines Jugendstilbads

Mit einem umfassenden Markthallenkonzept, verschiedenen Nutzungsoptionen und einem Hotelneubau gelang es in Heidelberg, ein altes Jugendstilbad als zeitgemäßes Zentrum zu revitalisieren.

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Durch die abstrakten Arkaden aus Betonfertigteilen mit Sichtbetonoberflächen fließt Tageslicht über die Terrassen in alle Etagen. Auf dem Vorplatz lädt ein Straßencafé zum Verweilen ein.

Historische Schwimmhallen der Jahrhundertwende haben kaum eine Chance in Innenstädten als Badeanlagen zu überdauern. Ihre ursprüngliche Nutzung steht nicht zuletzt aus wirtschaftlichen und aus energetischen Gründen zur Disposition, auch wenn solche Ensembles oft einen unwiederbringlichen Charme haben. In Heidelberg gelang es, das traditionsreiche Alte Hallenbad auf eine behutsame Weise so zu beleben, dass es künftig wieder allen Bewohnern des Viertels offen steht. Der Um- und Erweiterungsbau respektiert das historische Erbe, gleichwohl trägt er mit seinem Markthallenkonzept und als Ort kultureller und kulinarischer Angebote einer zeitgemäßen Nutzung Rechnung.

Dreißig Jahre lang dämmerte das Alte Hallenbad im Dornröschenschlaf: Ein im Stil des Klassizismus und des Jugendstils erbautes baukulturelles Schmuckstück, das mitten im Stadtteil Bergheim brachlag. Investor um Investor hatte sich um ein Nutzungskonzept bemüht, das auch die kritische Öffentlichkeit befriedigte. Schließlich entschied sich der Heidelberger Gemeinderat nach einer europaweiten Ausschreibung für den Verkauf des Alten Hallenbades an den ortsansässigen Investor Hans-Jörg Kraus.

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Die Kuppeln über den ehemaligen Schwimmbecken bestehen aus Beton. Sie mussten nur minimal ertüchtigt, optisch jedoch aufwändig restauriert werden.

Das Gesamtensemble umfasst nun den denkmalgeschützten Bestand sowie einen Hotel- und Erweiterungsneubau. Während das ehemalige Männerbad als Markthalle mit kulinarischem Angebot, Bars und Cafés einlädt und einen Bio-Lebensmittelmarkt integriert, lässt das einstige Frauenbad Raum für kulturelle Events; das ehemalige Kesselhaus wurde zur urbanen Gastronomie.

Auch ein Bereich für therapeutische Salzanwendungen und Wellness im restaurierten Irisch-Römischen Bad sowie Büros für die jeweiligen Betreiber sind in das Projekt integriert. Der seitliche Neubau und das moderne Hotel mit Sichtbetonfassaden folgen nicht nur einem wirtschaftlichen Konzept. Vielmehr haben SSV Architekten aus Heidelberg, die der Investor als bewährte Partner mit ins Boot geholt hat, das historische Bauwerk behutsam eingebunden und insgesamt ein zeitgemäßes Ensemble geschaffen.

„Eigentlich ist der geplante Entwurf des ursprünglichen Architekten Franz Sales Kuhn nie zu Ende gebaut worden“, schildert Architekt Klaus Ziegler die Konzeption von SSV Architekten für den Um- und Weiterbau. Schon damals plagten leere Kassen die Kommunen. Heute jedoch präsentiert sich das unter Denkmalschutz stehende Bauwerk mit modernen Betonarkaden an seiner prachtvollen Hauptseite, mit zwei der Sonne zugeneigten Terrassen und einem kommunikativen Vorplatz mit großen, neu gepflanzten Bäumen, ideal für das neue Straßencafé. „Arkaden waren bereits Bestandteil des historischen Entwurfs“, erzählt Ziegler, „wir bauen ihn nun mit einer modernen Architektursprache zu Ende“. Eine reizvolle Aufgabe, denn beim alten Hallenbad handelt es sich um einen frühen Betonbau mit weitgespannten Hallendecken, deren prachtvolle Stuckatur komplett aus Beton besteht. Die Substanz dieses epochalen Beispiels einer fortschrittlichen Betonbauweise konnten die Architekten weitgehend erhalten, was möglich war, weil die tragenden Betonteile auch hundert Jahre nach ihrer Entstehung noch voll funktionsfähig sind. In enger Absprache mit dem Denkmalschutz wurden auch viele der historischen Bauteile und Details des Interieurs, etwa Sprossenfenster, Schriftzüge, Treppengeländer, Schränke und Armaturen sorgfältig restauriert und in die heutige Nutzung hinübergerettet. Von Anfang an galt es, Abenteuer zu bestehen. Beim Aushub einer Baugrube fingen die benachbarten Gebäude an zu wackeln. So musste das ausführende Unternehmen Altenbach GmbH in Windeseile abstützen und Unterfangungsarbeiten im HDI-Verfahren ausführen, die ursprünglich nicht vorgesehen waren.

Danach war zwar der Neubau mit seinen Sichtbetonflächen in SB 3 Qualität gewohntes Tagesgeschäft, dafür benötigte man für den behutsamen Ausbau der historischen Substanz aber umso mehr Fingerspitzengefühl. „Die Arbeiten am Alten Hallenbad waren anspruchsvoller als ein Neubau auf der grünen Wiese“, meinte Bauleiter Oliver Gailfuss. Beengte Verhältnisse und lange Transportwege forderten die dreißig Betonarbeiter heraus. Unter den neuen Betonarkaden entstand ein großzügiger Eingang, der erst aus dem dicken Mauerwerk gestemmt werden musste. Die anschließenden Betonarbeiten verlangten äußerste Sorgfalt, um die Sichtbetonflächen sauber an den Ortbetondecken zu verankern.

Für die unterschiedlichen Bauabschnitte orderte das Bauunternehmen Altenbach jeweils den entsprechenden Beton von der TBG Transportbeton Kurpfalz an. Der Grundbau, die Tiefgaragendecke mit WU-Beton, die Bodenplatten, die Unterfangung in Stahlbeton, der Einbau von Stützen und neuen Stahlbeton-Decken mit bis zu zehn Metern weiten Spannweiten erforderten jeweils die termingerechte Lieferung von Betonen mit entsprechender Druckfestigkeit und den jeweiligen Expositionsklassen. Auf Ansage des Poliers beförderte der Pumpendienst Simonis die Betone für die unterschiedlichen Bauteile teilweise über große Entfernungen punktgenau zum Einsatzort.

Dank großem Engagement von allen Seiten glückte die Kunst, Alt und Neu durch ein Konzept zu vereinen, das sich wirtschaftlich trägt und die überlieferte Baukultur nicht nur einem auserwählten Personenkreis zugänglich macht. Cafés auf verschiedenen Ebenen, ein breit gefächertes Angebot und der Charme der Baugeschichte tragen zur besonderen Atmosphäre bei. Die behutsame Revitalisierung des Alten Hallenbades hat den Bewohnern ein Stück Urbanität zurückgebracht.

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Im Innern des Bestandsgebäudes wurde der alte Raumeindruck erhalten. Nichts ist auf antik getrimmt. Historische Bezüge und antike Details waren überall vorhanden und wurden sorgfältig restauriert.

Fotos: HeidelbergCement / Fuchs

  Quelle: www.heidelbergcement.com


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